Johnny Dodds (1892 - 1940)
Einer der großen Drei
Einflüsse
Johny Dodds wurde am 12.
Geburten,
Hochzeiten, Beerdigungen, Picknicks, Tanzvergnügen – keine
dieser Veranstaltungen wäre ohne eine Gruppe Musiker, die für Hintergrundmusik
sorgten, komplett gewesen. Fanden diese Veranstaltungen im Freien statt, kam es
darauf an, möglichst laut spielen zu können - laute Musiker waren die besseren
Musiker. Buddy Bolden war laut. Wenn er blies, wusste ganz New Orleans wer
spielte. Aber es war nicht nur die Lautstärke, Buddy Bolden hatte auch seinen
eigenen Stil. Er spielte seine Melodielinien mit der Synkopierung, wie man sie
sonst in Ragtimes fand. Und sein Können und Selbstvertrauen auf dem Kornett
bedeutete auch, dass wenn er eine Melodie vergessen hatte, oder es ihm
langweilig wurde, immer und immer wieder die gleichen Stücke zu spielen, er
einfach wie auf Knopfdruck eine neue Melodie erfand. Dies war aber noch nicht im
Sinne der Improvisation, die ein integraler Bestandteil des Jazz ist. Es dauerte
noch ein paar Jahre und bedurfte des Genies eines Louis Armstrong, bis echte
Improvisation Teil des musikalischen Genres wurde. Aber Bolden war ein deutlich
erkennbarer Vorläufer davon.
Kid Ory
Ein paar Meilen von New Orleans entfernt liegt der Ort La Place. Dort wurde
Edward Ory am Weihnachtstag (25. Dezember) 1886 geboren. Als er sich eines Tages
an der Bahnstation von La Place die Zeit vertrieb hörte der junge Edward etwas,
was er zuvor nie aus einem der Wagen eines Zuges gehört hatte. Wie sich
herausstellte, war dies Buddy Bolden mit seinen Musikern, die sich und anderen
so zum Spaß die Zeit vertrieben, während sie zu einem Engagement außerhalb New
Orleans‘ fuhren. Der junge Zuhörer, bis dahin Banjospieler, wechselte von Saiten
zu Blech und gegen 1911 leitete Posaunist Edward "Kid" Ory seine eigene Band in
New Orleans. In der Zwischenzeit, in 1909, hatte ein siebzehnjähriger Johnny
Dodds beschlossen, dass er Klarinette spielen erlernen wollte. Im New Orleans
der ersten Dekaden des Zwanzigsten Jahrhunderts gab es nur einen zu dem man
gehen konnte, wenn man vom Besten lernen wollte - Lorenzo Tio Junior.
Tio war sogar noch etwas jünger als Dodds (er war am 18. April 1893 in New
Orleans geboren worden), aber er war bereits akzeptiert als einer aus einer
Familie guter Klarinettisten. Sein Vater, Lorenzo Tio Senior, und sein Onkel
Papa Luis Tio waren sehr bekannt in New Orleans. Seit seinem neunten Lebensjahr
hatte Lorenzo Junior in Marching und Parade Bands gespielt und seit 1897 spielte
er im "Lyre Club Symphony Orchestra". Später spielte er noch in den bekannten "Onward"
und "Excelsior" Brass Bands; andere berühmte Klarinettisten, die von Tios
Unterricht profitierten waren Jimmie Noone, Barney Bigard, Albert Nicholas und
Albert Burbank. Nach nur wenigen Unterrichtsstunden bei Tio war Dodds gut genug,
seine ersten professionellen Engagements anzunehmen – er tat dies als Mitglied
von Kid Orys Band, zu der er 1911 stieß.
Schwimmendes Konservatorium
Dodds arbeitete in Orys Band bis 1918 und kurz bevor er die Band verließ´,
verpflichtete er sich für etwas, was die damaligen Musiker als "schwimmendes
Konservatorium" bezeichneten. Dabei handelte es sich um einen der Mississippi
Raddampfer; der Name entstand, weil etliche der Jazz Musiker, die auszogen
berühmt zu werden – und in einigen Fällen sogar reich – einige ihrer formenden
Jahre in einer der Fate Marables Raddampfer Bands verbrachten. Der Pianist und
Bandleader Fate Marable wurde in Paducah, Kentucky, am 12. Februar 1980 geboren.
Seinen ersten Auftritt hatte er bereits im Alter von gerade neun Jahren, aber
man verbindet ihn fast ausschließlich mit seiner späteren Arbeit auf den
Riverboats der Region, eine Arbeit, die er 1907 antrat, als er auf dem Dampfer "J.S."
in Little Rock, Arkansas ablegte. Man verbindet mit dem Namen Marable auch sein
Spiel auf der Calliope, einem dampfgetriebenen, orgelähnlichem Instrument,
welches über eine Tastatur Dampf durch entsprechend gestimmte Pfeifen leitet,
was ihm einen lauten und schrillen Ton gibt. Das Instrument wird oft mit Messen
und Circus in Verbindung gebracht, wo man Boiler verwandte, um Dampf zu
erzeugen. Die leichte Verfügbarkeit von Dampf auf den Raddampfern erübrigte
einen separaten Boiler und machte das Calliope zur logischen Wahl eines
Instrumentes für solche Fahrzeuge.
Marable gründete seine "Kentucky Jazz Band" 1917 und unter den vielen
"Absolventen" des "schwimmenden Konservatoriums" waren Louis Armstrong,
Zutty
Singleton, Henry "red" Allen und Jimmy Blanton. Im Sommer 1918, auf dem
Dampfschiff "S.S. President" der Streckfus Reederei zum Beispiel leitete Marable
eine Gruppe, in der Johnny Dodds und sein Bruder Baby Dodds am Schlagzeug
spielten. Dabei waren auch Joe Howard auf Trompete, Johnny St. Cyr am Banjo,
Pops Foster am Bass, Bill Ridgely auf Posaune und Dave Johnson auf dem Mellophone. In der Saison 1919 leitete Marable eine Band mit Louis Armstrong,
Johnny St. Cyr und Baby Dodds auf dem Schiff "S.S. Capitol". Die "S.S. Senator"
war ein anderes Dampfschiff der Streckfus Linie, auf der Marable eine Band
leitete (man fuhr zwischen Pittsburgh und Louisville), wie auch die "S.S. St.
Paul", das Dampfschiff auf dem Marable mit dem Trompeter Charlie Creath in Jahr
1920 auftrat. Die Verbindung Marables mit Creath bestand über viele Jahre, in
denen die beiden als Partner Bands leiteten. Im Jahr 1940 musste Marable wegen
einer schlimmen Infektion eines Fingers aufhören zu spielen und er verließ die
Riverboats, auf denen er quasi ununterbrochen über dreissig Jahre lang
gearbeitet hatte. Aus dem gelichen Grund musste er auch Angebote ausschlagen in
Chicago oder New York zu arbeiten. Marable fing wieder an zu spielen, als sein
Finger hinreichend ausgeheilt war (Antibiotika gab es nicht; erst nach 1941),
aber nicht auf Riverboats – er trat als Solist in den Clubs von St. Louis auf
bis er am 16. Januar 1947 an einer Lungenent-zündung starb.
Storyville
Der Mississippi war die Hauptverkehrsader aus New Orleans heraus und das war
die Route, die viele Musiker einschlugen, als der Bezirk Storyville in New
Orleans geschlossen wurde. Storyville war nicht der amtliche Name einer Gegend
in New Orleans, aber ein Spitzname, den die Einwohner einiger Straßenzüge, die
im Oktober 1897 Alderman Sidney Story gewidmet wurden, vergaben. Außerhalb
dieses Bereiches war es "ungesetzlich für jede Prostituierte, oder jede der Lust
oder Obszönität regelmäßig nachgehende Frau in irgend einem Haus, Raum oder
Stübchen zu wohnen, leben oder schlafen". Wie viele der Mythen um den frühen
Jazz ist auch die Legende um Storyville und sein plötzliches Ende in 1917 an
einen Punkt gelangt, an dem es scheint, als wäre Jazz auschließlich in Bordellen
gespielt worden und als ob über Nacht die Musiker plötzlich keinen Platz mehr
hatten, Jazz zu spielen. Es ist schon mehrfach festgestellt worden, dass oftmals
nur Pianisten in Etablissements wie Lulu Whites Mahogany Hall spielten.
Storyville lag tatsächlich im Herzen des Geschäftsviertels von New Orleans,
zwischen Bahnstation und Canal Street, eine Verbindung zu den Docks am
Mississippi. Es gab jede Menge der üblichen Geschäfte dort, die Kleidung,
Gemüse, Töpfereiwaren und gebrauchte Artikel verkauften. Es gab Friseure dort;
viele der Musiker schnitten tagsüber Haare. Auch dienten die Friseurgeschäfte
als Treffpunkt für Musiker, wo sie oft für Auftritte engagiert wurden.
Storyville besaß auch ein eigenes Gerichtsgebäude und ein Gefängnis, ein
Krankenhaus und mehrere Friedhöfe, zwischen denen wahrscheinlich normale Paraden
anlässlich Beerdigungen stattfanden, und es gab jede Menge Bars, Cafes und
Kneipen. Es ist deshalb durchaus wahrscheinlich, dass die "Bordelle und
Mädchenhäuser", die so farbenfroh und ausgiebig in manchen Berichten beschrieben
werden, nicht die hauptsächlichen Orte für musikalische Darbietungen waren.
Trotzdem, die Region zog einige kriminelle Elemente an. Eine Publikation namens
"Blue Book" wurde herausgegeben, die Besuchern Ratschläge darüber gab, wo man
hingehen konnte, um "sicher vor Überfällen, erpresserischen Glücksspielen und
anderen illegalen Praktiken, die gerne an dem Unerfahrenen in Rotlicht Bezirken
ausgeübt werden". Als die Vereinigten Staaten in den ersten Weltkrieg eintraten
war die Gewaltbereitschaft der dort stationierten Seeleute gegenüber den
Bewohnern so groß, dass in 1917 die Straffreiheit der "Madams" aufgehoben wurde.
Deshalb – sagt die Legende – waren die Damen der Nacht und damit auch die
Musiker gezwungen, ihrem Gewerbe woanders nachzugehen.
Aller Wahrscheinlichkeit nach suchten die Jazz Musiker von New Orleans ohnehin
nach einem größeren Wirkungskreis. Die Schließung von Storyville mag dazu einen
verstärkten Antrieb gegeben haben. Die vereinfachte Geschichte der Jazzmusik
tendiert zu der Darstellung, dass die Musiker New Orleans in Richtung Chicago en
masse verließen, und dann ganz ähnlich von dort nach New York weiterzogen.
Natürlich taten dies viele, aber andere wählten statt dessen die Westküste der
USA, wie zum Beispiel Jelly Roll Morton. Und es gab noch jede Menge anderer
Städte entlang des Mississippi und seiner großen Nebenflüsse, welche die Musiker
willkommen hießen, nicht zuletzt Kansas City und St. Louis. Trotzdem war Chicago
besonders attraktiv; es war eine blühende Stadt mit vielen freien Stellen für
zureisende Arbeiter, und für die schwarze und farbige Bevölkerung war die
Nordstadt weniger rassistisch als die Städte der Südstaaten. Johnny Dodds ging
versuchsweise nach Chicago nach einer Tournee mit Billy Mack in 1918 und einer
Arbeitsperiode mit dem aus Louisiana stammenden Trompeter Mutt Carey, aber er
kehrte nach New Orleans zurück, um noch einmal mit Kid Ory zu arbeiten (sowohl
Johnny als auch Baby Dodds hatten mit Carey in Vaudeville Shows gearbeitet).
Dodds ging 1920 wieder nach Chicago um bei Joe "King" Oliver zu spielen; in
Chicago wurde er berühmt und es blieb seine Basis für den Rest seines Lebens.
Chicago
Während der späten 20'er Jahre gab es starke Verbindungen zwischen Johnny
Dodds, Kid Ory und Joe "King" Oliver. Es wird angenommen, dass Ory den
Spitznamen "King" für Oliver fand, als Oliver Mitglied in einer von Orys Bands
war. Das geschah nicht wie sonst üblich, weil Oliver der beste Kornettist weit
und breit war, aber Ory ging davon aus, daß mehr Publikum käme, wenn man Oliver
so ankündigte. Obwohl nicht der größte Kornettist seiner Zeit, so war Oliver
doch einer der einflussreichsten Musiker in dieser Zeit. Er war auf einer
Plantage in der Nähe von Abend, Louisiana, am 11. Mai 1885 geboren worden.
Seinen Lebensunterhalt bestritt Oliver anfangs mit Gelegenheitsarbeiten in New
Orleans. Aber gleichzeitig lernte er Posaune und Kornett zu spielen und spielte
in den bekannten Bands wie "Melrose Brass Band", "Onward Brass Band", "Eagle
Band" und A.J. Pirons "Olympia Band". Gegen 1915 leitete er seine eigenen Bands
(eine hatte Sidney Bechet auf der Klarinette als Mitglied), aber 1917 stieß Kid Ory zu Olivers Band. Schon um 1919 war dies eine der bekanntesten Bands in der
Gegend.
Kurz darauf ging Oliver jedoch nach Chicago (Orys Band verlor so einen Star
Kornettisten, aber als Konsequenz gewann man einen anderen – Olivers Nachfolger
war Louis Armstrong) und wurde sehr schnell vom Royal Gardens Club engagiert;
Johnny Dodds wurde 1920 Mitglied in Olivers Band. Dodds war auch Bandmitglied,
als die Band 1921 an der Westküste zu arbeiten begann. Für diesen Tanzhallen Gig
in San Francisco bestand die Band aus Oliver, Dodds, Honore Dutrey auf der
Posaune, Lil Hardin am Piano, Ed Garland am Bass und Minor Hall am Schlagzeug.
Die Gruppe kehrte nach Chicago in die Royal Gardens zurück, die sich nach einer
Renovierung nun Lincoln Gardens nannten. 1922 entschied sich Oliver, die Gruppe
mit einem zweiten Kornett zu verstärken. Er bemühte sich um Louis Armstrong, der
geschworen hatte New Orleans nur für Oliver zu verlassen; damit war nun die
klassische "King Oliver & His Creole Jazz Band" etabliert. Neben Oliver und
Armstrong spielten Johnny Dodds auf Klarinette, Dutrey, Hardin, Bill Johnson am
Bass und Johnnys Bruder Baby Dodds am Schlagzeug – diese Musiker bildeten für
einige Jahre die Grundlage für Johnny Dodds‘ musikalisches Leben.
Familienvater
Teil von Olivers "Creole Jazz Band" zu sein muss wie Teil einer Familienband
gewesen sein. Joe "King" Oliver war so etwas wie eine Vaterfigur für Louis
Armstrong; er spielte eine Schlüsselrolle in der Rettung Armstrongs vor einem
Leben als Krimineller, in Armut und möglicherweise Schlimmerem. Armstrong war am
4. August 1901 in New Orleans geboren worden und seine Lebensperspektive zum
Zeitpunkt der Geburt konnte kaum schlimmer aussehen. Seine Mutter, Mayann, hatte
im Alter von 15 Jahren geheiratet und Louis‘ Vater Willie ließ die Familie im
Stich, als Louis noch Kleinkind war. Louis und seine Mutter waren gezwungen in
völliger Armut in einer Einzimmerwohnung im Herzen Storyvilles zu leben, wobei
die Aufsicht über Louis oft an Willies Mutter Josephine übertragen wurde. Als er
sieben Jahre alt war sang Louis mit ein paar Freunden auf den Straßen, im Grunde
um etwas Kleingeld zum Überleben bettelnd. Als er 11 Jahre alt war arbeitete
Louis für einen Kohlenhändler, aber es schien, als würde auch ein regelmäßiges
Einkommen ihn nicht aus Schwierigkeiten heraushalten. In der Neujahrsnacht 1912
wurde er festgenommen, weil er in den Straßen eine Pistole abfeuerte, die er
sich von seinem Stiefvater "ausgeliehen" hatte. Louis wurde zu Arrest im "Coloured
Waif’s Home", einem Heim für farbige, ausgesetzte Kinder, verurteilt.
Während seiner zwei Jahre Arrest entdeckte man musikalisches Talent bei Louis
und er lernte Altsaxophon, Horn und Kornett zu spielen. Bei seiner Entlassung
war er entschlossen, Musiker zu werden. Es hätte jedoch auch leicht passieren
können, dass Louis wieder in seinen alten Trott zurückgefallen wäre, denn er
besaß kein Musikinstrument. Glücklicherweise war er mit Joe Oliver befreundet,
der ihm ein Kornett gab, welches er selber nicht brauchte. Für den Rest seines
Lebens hatte Louis ein Idol in Oliver, auf den er sich oft als "Pops" (Papa)
bezog. Das "familiäre Element" der "Creole Jazz Band" weitete sich noch aus, als
das Verhältnis zwischen Louis Armstrong und Lil Hardin mehr als ein rein
musikalisches wurde; das Paar heiratete am 5. Februar 1924. Wenn man nun noch
die Gebrüder Dodds hinzunimmt wird klar, dass es wirklich eine familienähnliche
Gruppe war. Aber wie in den meisten Familien gab es verschiedene Meinungen und
so löste sich eines der besten Jazz Orchester der frühen Tage des Jazz in 1924
auf.
Der Grund für die Auflösung der "Creole Jazz Band" ist nicht sicher, aber es
wird allgemein angenommen, dass es mit Lil Hardins Ambitionen bezüglich ihres
Mannes zu tun hatte. Sie nahm zu Recht an, dass Louis eine bessere Rolle als die
des zweiten Kornettisten verdiente, aber weil er mehr an seiner Musik als am
Ausbau seiner Karriere gelegen war, bedurfte es der Nachhilfe von Lil, damit er
eigene Wege ging. Wahrscheinlich empfand Louis auch viel Loyalität gegenüber
Oliver, trotz des Umstandes, dass Louis der bessere Musiker war und Oliver einen
großen Teil seines Erfolges dem Kaliber seiner Mitmusiker Dodds und Armstrong
verdankte. Nachdem Armstrong die Oliver Band verlassen hatte arbeitete er eine
Zeit lang für Ollie Powers Band im Dreamland Club in Chicago, bevor er nach New
York weiterzog and Ruhm in Fletcher Hendersons Orchester erlangte. Nach relativ
kurzer Zeit arbeiteten Armstrong und Dodds wieder zusammen, aber leider waren
Olivers beste Zeiten vorbei. Oliver ging auch in 1924 nach New York, aber er
kehrte im gleichen Jahr nach Chicago zurück und arbeitete mit dem New Orleans
Holzbläser Barney Bigard in "Oliver’s Dixie Syncopators". Die Depression der
dreißiger Jahre traf Oliver genau so hart wie andere Musiker und Nicht-Musiker.
Er nahm so viel Arbeit wie möglich während dieser Zeit an, aber Gesundheit und
Depression arbeiteten gegen ihn. Als er krankheitsbedingt seine Zähne verlor,
konnte er nicht mehr spielen. Oliver löste schlussendlich seine letzte Band in
Savannah, Georgia im Jahr 1936 auf. Er nahm Arbeit an als Hausmeister in einem
Billard Salon und starb nur 52 Jahre alt am 8. April 1938.
Aufnahmen
Inzwischen hatte Johnny Dodds die Leitung von Freddie Keppards Orchester
übernommen, der Hausband von Kelly’s Stable Club in Chicago und er bekleidete
diese Position von 1924 bis 1930, während er gleichzeitig auf vielen der
klassischen Aufnahme Sessions in der möglicherweise besten Periode des Jazz
mitarbeitete. Freddie Keppard war ein Musiker, dessen mystischer Status in der
Geschichte des Jazz nur dem von Buddy Bolden nachstand. Keppard war einer der
originalen New Orleans Kornettisten (geboren am 27. Februar 1890) und spielte
seit 1905 im "Olympia Orchestra". Wie Bolden, als dessen natürlicher Nachfolger
er gesehen wird, wird berichtet, dass Keppard ein kraftvoller Spieler war und
wie Bolden spielte er im Blues- und Ragtime-Stil, der die Basis für den
entstehenden neuen "Jazz"-Sound bildete. Keppard war einer der Musiker, die
schon vor der Schliessung Storyvilles New Orleans verließen; 1914 ging er nach
Los Angeles, um mit dem "Original Creole Orchestra" aufzutreten.
Keppard wird nachgesagt, er habe Schallplattenangebote in jungen Jahren
abgelehnt weil er nicht wollte, dass andere seinen Stil kopieren könnten. Wenn
er öffentlich spielte legte er ein Taschentuch über seine Finger und Ventile,
damit andere nicht seine Grifftechnik abgucken konnten. Kurz bevor er das
Engagement in "Kelly’s Stables" antrat nahm Dodds einen Titel auf, der auf die
Tage zurückgreift, zumindest im Titel, als Freddie Keppard und Buddy Bolden ihre
Mitmusiker so in den Schatten stellten – "High Society Rag". Die Aufnahme stellt
Bud Scott auf dem Banjo heraus. Scott, der 1923 zu King Oliver in Chicago stieß
und dort 1926 mit den "Dixie Syncopators" spielte, war am 11. Januar 1890 in New
Orleans geboren worden und hatte als Teenager mit Buddy Bolden und Freddie
Keppard gespielt. Auch Scott verließ New Orleans vor 1917 und spielte bereits
1915 in Theaterorchestern in New York City. 1926 führte Dodds wieder mit einem
Musiker zusammen, mit dem er länger nicht aufgetreten war – Kid Ory – und
anderen mit denen er noch kürzlich gespielt hatte. Es war dies die Zeit von Louis
Armstrongs "Hot Five" und "Hot Seven" Aufnahmen, die zu den Maßstäben im Bereich
der Jazz Aufnahmen gezählt werden. Die anderen Musiker der "Hot Five" –
Armstrong, seine Frau Lil, Ory und Johnny St. Cyr spielen neben Johnny Dodds den
"Lonesome Blues", aufgenommen am 23. Juni 1926, in der Mitte der "Jazz Ära", in
Chicago.
Reputationen
Seit seinen letzten Auftritten mit Johnny Dodds hatte Ory seinen Ruf als
führender Posaunist der Zeit etabliert. Zur Zeit der Aufnahme des "Lonesome
Blues" war er fast 40 Jahre alt und sein Posaunenspiel in Jazz Ensembles war in
einer Art anspruchsvoller geworden, die alle anderen Jazz-Posaunisten
beeinflusste. Bevor Ory auf die Szene kam wurde die Posaune als einfache
Rhythmusbegleitung eingesetzt, die ein paar Bass-Harmoniepunkte setzte an der
sich das Kornett orientierte und um die die Klarinette Kontrapunkte setzte und
Melodiephrasen einstreute. Ory machte die Posaune zum vollwertigen
Melodieinstrument, welches melodische Einwürfe und Effekte um Kornett und
Klarinette einbrachte, statt nur im Hintergrund zu spielen. Sein Ton war auch
prägnanter als die frühen Posaunensounds, bewusst rauh und kraftvoll, eine Folge
des Einflusses von Buddy Bolden, den er die vielen Jahre vorher am Bahnhof
seiner Heimatstadt gehört hatte. Aber Ory hatte ohnehin schon seinen Stempel in
der Geschichte des Jazz hinterlassen; seine Band, die unter den Namen "Ory’s
Creole Jazz Band" und "Spike’s Seven Pods of Pepper" bekannt war, hatte 1922 die
ersten Jazz Aufnahmen schwarzer Musiker gemacht. Man könnte sogar sagen, dass
dies die ersten erkennbaren "Jazz Aufnahmen" überhaupt waren, nachdem viele
Kritiker die Aufnahmen der weißen "Original Dixieland Jazz Band" nicht für Jazz
halten.
Ein anderes Mitglied der bunten Gruppe zum 23.
Der Blues
Während der Zwanziger Jahre wurden Jazz Musiker oft engagiert, um Blues-Sänger zu begleiten. Die bekanntesten Beispiele hierfür findet man in den
Aufnahmen der damals weiblichen Blues-Sängerinnen, die man der Einfachheit
halber heute unter der Kategorie "klassische Blues Sängerinnen" zusammenfasst.
Zu dieser Gruppe zählen große Namen wie Bessie Smith, Ma Rainey,
Trixie Smith,
Ida Cox, Sippie Wallace und Alberta Hunter, sowie weniger bekannte wie
Clara
Smith, Maggie Jones, Chippie Hill, Nolan Welsh und Hociel Thomas. Obwohl auch
als Blues-Sänger klassifiziert, sangen sie nicht den ländlichen Blues, den sonst
ein Mann sang und sich dabei auf der Gitarre begleitete, sondern hier sangen
Frauen mit einer Variete und Show-Erfahrung anspruchsvollere Stücke.
Überlicherweise waren sie auch nicht nur Blues-Sängerinnen, sondern trugen
Stücke der verschiedensten Stilrichtungen in ihren Darbietungen vor. Für diese
Auftritte benötigten sie talentierte Musiker, insbesondere für die Aufnahme-Sessions, bei denen wichtig war, Noten zulesen. Einige der größten
Namen aus dem klassischen Jazz erscheinen auf diesen Aufnahmen, unter anderem
Johnny Dodds, Louis Armstrong und Sidney Bechet.
Aber diese "Grenzüberschreitung" an der Seite weiblicher Blues-Sänger war nur
ein Beispiel für die Mischung verschiedener Stilrichtungen in dieser Zeit.
Während sich ein Stil entwickelt ist es nicht so einfach diesen sofort
einzuordnen und zu klassifizieren, wie ein paar Jahre später, wenn man einfach
ein Genre mit einer Gegend oder einer Gesellschaftsgruppe verbindet. Folgende
Stereotypen zeigen dies: städtische Afro-Amerikaner spielen Jazz, ländliche
Afro-Amerikaner spielen Blues, ländliche Weiße spielen Country Musik, städtische
Weiße spielen Schlager. Die Musik der Jug Bands ist ein gutes Beispiel hierfür.
Während man sie heute hauptsächlich mit ländlichen Weißen der Appalachian Berge
in Verbindung bringt, wurde sie zu ihrer Zeit hauptsächlich von schwarzen
Amerikanern in Städten gespielt und war eine Mixtur aus Ragtime, Blues und
frühem Jazz.Das vielleicht offensichtlichste Charakteristikum war die Verwendung
entfremdeter Gegenstände als Musikinstrumente. Ein Waschbrett wurde statt eines
Schlagzeugs verwandt, ein Waschzuber oder eine Teekiste mit einem Besenstiel und
einem Stück Schnur, oder ein Whiskykrug wurden als Bass eingesetzt und ein Kamm,
Löffel, sogar Sägeblätter dienten als Führungsinstrumente, um die
konventionelleren Geigen oder Banjos zu begleiten.
Baby Dodds
Ein Könner auf Schlagzeug und Waschbrett war Johnny Dodds Bruder, Baby Dodds.
Auf den Aufnahmen "Forty And Tight", "Weary Way Blues", "Grandma’s Ball", "Bullfiddle
Blues", "Bucktown Stomp" und "Weary City" spielt Baby Dodds Waschbrett neben
seinem Bruder Johnny. Baby Dodds, richtiger Vorname Warren, wurde am
Weihnachtsabend 1898 in New Orleans geboren und sein ganzes Leben lang arbeitete
er neben seinem Bruder – nicht nur in der Musik, sondern auch in dem
Taxiunternehmen, dass sie während der Dreißeiger Jahre betrieben. Einer der
bekanntesten Vertreter des "Tonkrug als Bassinstrument" war Earl
McDonald,
dessen "Dixieland Jug Blowers" eine der wichtigsten Bands dieses Genres war.
McDonald wirkte beim "Carpet Alley Breakdown", aufgenommen am 11. Dezember 1926
mit. Clifford Hayes ist auch auf dieser Aufnahme. Dieser Geigenspieler war ein
anderer wichtiger Name dieses Stils – seine anderen Bands waren die "Old
Southern Jug Band" und "Clifford’s Louisville Jug Band", die oft den
Banjospieler Cal Smith beschäftigten, der auch beim "Carpet Alley Breakdown"
neben Johnny Dodds mitspielte.
Eine andere wichtige Persönlichkeit des Jug Band Genres war Jimmy Bertrand,
ein weiterer Waschbrettspieler, der auch neben Dodds auf etlichen Aufnahmen
mitspielte. Bertrand war am 24. Februar 1900 in Biloxi, Mississippi geboren
worden. Ein Indiz dafür, dass diese Musik nicht immer als so leicht und locker
gesehen wurde, wie wir sie heute empfinden ist die Tatsache, dass der berühmte
Vibraphonist, Schlagzeuger und Perkussionist Lionel Hampton Betrand als sein
Idol verehrte. Der sehr angesehene Jazz Schlagzeuger Sid Catlett profitierte
auch von Unterricht, den Bertrand ihm gab. Eine der Bertrand Bands, die "Washboard
Wizards", stellte Johnny Dodds und Louis Armstrong groß heraus.
Solo
Gegen Ende der Zwanziger Jahre ließ die Popularität der Jug Band – zumindest
in den Aufnahmestudios – nach. Dagegen erreichte die Ära des klassischen Jazz
ihren Höhepunkt, mit Solisten des Kalibers eines Johnny Dodds, Louis Armstrong
und Kid Ory, die die Aufmerksamkeit der Massen von Orchestern und Ensembles
weglenkten. Dodds war natürlich bereits Teil der Band gewesen, die diesen Trend
eingeleitet hatte, die "Hot Five", und er bestimmte auch weiterhin bis ans Ende
der Zwanziger mit kleinen Gruppen die Richtung. Dodds leitete eine dieser
Gruppen, ein Trio, mit der er seine wohl bemerkenswerteste Aufnahme "Blue
Clarinet Stomp" am 5. Juli 1928 machte. Dodds wurde darauf begleitet von Charlie
Alexander am Piano und Bill Johnson am Bass. Der in Cincinnati, Ohio geborene
Alexander war als Pianist aktiv während der Zwanziger, Dreißiger und Vierziger
Jahre – während der Zwanziger trat er regelmäßig in Kelly’s Stable Club auf bis
ihn Louis Armstrong in seine Big Band holte.
Bill Johnson, der Bassist auf vielen von Dodds‘ späteren Aufnah-men (er wirkte
auch bei "Heah‘ Me Talkin‘" und "Pencil Papa" mit) wurde 100 Jahre alt und sah
in dieser Zeit die Entwicklung des Jazz von seiner frühen Form bis in die Zeit
von der einige Kritiker sagen, dass der Jazz aufhörte. Johnson war am 10. August
1872 auf die Welt gekommen und bereits in seinen Dreißigern, als er Tuba bei
Brass Band Paraden in New Orleans in den berühmten "Peerless" und "Eagle" Bands
spielte. Ursprünglich hatte Johnson das Gitarrespielen erlernt und in den Jahren
um 1890 lernte er Tuba. Als einer der Musiker, die verantwortlich an der
Verbreitung der Musik mitgewirkt hatte, die man später Jazz nannte, verließ
Johnson New Orleans fast zwei Jahrzehnte vor den meisten Jazz Musikern und nahm
die Musik bereits 1908 mit an die Westküste, wo er in Los Angeles spielte. Seine
Gruppe war die wegbereitende "Original Creole Band", in der auch Freddie Keppard
mitspielte. Die Band war die erste ihrer Art, die in New York City spielte, wo
sie sich später im Jahr 1918 auflöste. Danach war Johnson an der Spitze derer,
die nach Chicago gingen, wo er in den Jahren 1922 und 1923 Bass und Banjo in
"King Oliver’s Creole Jazz Band" spielte.
Die nächsten 25 Jahre blieb Johnson in Chicago, um danach den Musikerberuf
aufzugeben und seine letzten Jahre im Ruhestand in Mexico und Texas zu
verbringen. Johnsons vielleicht wichtigster Beitrag zur Entwicklung des Jazz war
es, den Bogen der Bassgeige zu vernachlässigen und die Saiten statt dessen zu
zupfen. Diese Entwicklung erlaubte dem Bass die Tuba als Bassinstrument zu
ersetzen und ebnete den Weg für Leute wie Walter Page, der den "walking bass"
Stil entwickelte und so in die Swing Ära führte. Bei den Aufnahmen "Heah‘ Me
Talkin‘" und "Pencil Papa" spielte der Kornettist Natty Dominique neben Johnson.
Dominique hatte auch in den Brass Bands von New Orleans gespielt, obwohl er, als
er 1913 in Emanuel Perez Brass Band spielte, 24 Jahre jünger als Johnson war.
Dominique, ein Verwandter des New Orleans Holzbläsers Barney Bigard, wurde nach
dem ersten Weltkrieg in Chicago berühmt; er spielte mit Carroll Dickerson, Louis
Armstrong, Jimmie Noone und Jelly Roll Morton bevor er Johnny Dodds traf.
Dominique nahm mit Dodds weiter Schallplatten auf bis zu dessen Tod.
Die 1930’er Jahre
In 1930 beendete Dodds sein Engagement in Kelly’s Stables, aber er spielte
weiterhin in anderen Clubs der Stadt, einschließlich dem "Three Deuces". Einen
Großteil seiner Zeit konzentrierte er sich auf das Taxigeschäft, in das er mit
seinen Brüdern (Baby und Bill) involviert war. Gegen Ende der dreißiger Jahre
wandten sich Johnny und Baby Dodds wieder den Aufnahmestudios zu, und etwas
ungewöhnlich in New York im Jahr 1938. Die Aufnahme Sessions mit Charlie Shavers
waren Johnny Dodds‘ einzige Reisen nach New York City. Am 21. Januar nahm man
zwei Titel auf, die ganz stark mit der "Hot Five" verknüpft waren: "Wild Man
Blues" und "Melancholy". Ein weiterer Musiker der "Hot Five" wirkte bei diesen
Aufnahmen mit, Lil Armstrong. Die anderen Musiker auf diesen Aufnahmen waren
ähnlich bekannt; es waren der Trompeter Charlie Shavers, der Gitarrist Teddy Bunn, der Bassist
John Kirby und Schlagzeuger und Waschbrettspieler O’Neil
Spencer.
Im Frühjahr 1939 erlitt Johnny Dodds einen Herzanfall, der ihn bis zum Januar
1940 lahmlegte, als er eine neue Band zusammen-stellte. Dodds‘ Zahnprobleme
verhinderten, dass die Band lange zusammenblieb. Im Juni des gleichen Jahres
traf er jedoch wieder mit Natty Dominique für ein paar Aufnahmen zusammen. "Red
Onion Blues" und "Gravier Street Blues" wurden am 5. Juni aufgenommen. Alle
Musiker dieser Aufnahme Session waren stark mit New Orleans verbunden – nur der
Pianist Richard M. Jones und der Bassist John Lindsay waren nicht dort geboren,
hatten aber ihre Jahre musikalischer Entwicklung dort verbracht. Es waren nur
noch ein paar Jahre bis es eine New Orleans Revival Bewe-gung geben würde; dies
würde eine Verbesserung der Lebens-umstände vieler Musiker aus dieser Stadt, die
oft gezwungen waren sich anderen Berufen während der schweren Jahre der
Depression zuzuwenden, mit sich bringen. Wie schon früher erwähnt hatte es zum
Beispiel Johnny St. Cyr für notwendig erachtet, wieder seinem alten Beruf als
Pflasterer nachzugehen. Leider konnte Johnny Dodds die Revival Bewegung nicht
mehr miterleben – er starb am 8. August 1940.
Nachlass
Trotz des Umstandes, dass viele Kritiker Johnny Dodds die technischen
Fähigkeiten anderer New Orleans Klarinettisten absprechen beweisen seine
Aufnahmen jedoch, dass der Einfluss eines Musikers nur bedingt mit seinen
technischen Fähigkeiten zu tun hat. Die Kontrolle über den Ton, den er über die
ganze Bandbreite seines Instrumentes erzielte, das erinnerungswürdige Vibrato
und die "blues-igen", einfallsreichen Nuancen, die er in sein Spiel einfließen
ließ stellten sicher, dass er immer ein gefragter Musiker bei den Aufnahmen der
großen New Orleans Musiker war. Und viel größere und bedeutendere als Louis
Armstrong gibt es wohl kaum. Es ist Tatsache, dass Dodds‘ Mitwirkung bei den
"Hot Five" genauso viel für deren Erfolg beitrug wie die Anwesenheit des
weltbesten Trompeters. Johnny Dodds‘ Ruf als der möglicherweise größte New
Orleans Klarinettist wird nicht nur durch die "Hot Five" Aufnahmen belegt,
sondern auch von allen seinen anderen Aufnahmen, die Zeugnis seines Talents und
Einflusses bleiben.
D.U.